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1. Lebenstag


Annes Leben – kurz, aber intensiv 

Schwangerschaft.
Wie freute ich mich, als ich nach unserer ersten Tochter - * Dezember 1985 -, endlich wieder schwanger war!

Nicht jeder teilte meine Freude: Mein damaliger Chef, den ich – bis auf seine cholerischen Ausbrüche – immer sehr geschätzt und gemocht habe, schlug mit der Hand auf den Schreibtisch und schrie: „Hier kann doch nicht jeder grad schwanger werden, wann er will!“ 

Am nächsten Tag lag ich mit Blutungen und drohender Fehlgeburt im Krankenhaus. Mein Chef besuchte mich und überreichte mir den größten Blumenstrauß, den ich jemals bekommen habe.

Nach einer Woche Krankenhausaufenthalt verlief die Schwangerschaft normal bis ich in der 28. Woche vorzeitige Wehen hatte: drohende Frühgeburt! In der 30 Woche entschied der Gynäkologe, doch noch eine Cerclage zu machen, da Anne zu diesem Zeitpunkt noch keine 1500 g wog. 

Geburt.
Wenige Tage vor dem errechneten Termin erblickte Anne nach einer Spontangeburt am 26.12.1987 um 01:50 Uhr im Kreiskrankenhaus Saarburg das Licht der Welt. Sie wog 3500 g und war 52 cm groß, putzmunter und ein unproblematisches Stillkind.

Immer wieder Aufregung.
Bei der U3 äußerte unser Kinderarzt auf Grunde eines Herzgeräusches den Verdacht auf einen Herzfehler. Mit etwa neun Wochen stellten wir Anne in der Kinderkardiologie einer Universitätsklinik vor. Die eindeutige Diagnose durch den Chef der Abteilung: kein Herzfehler, nur ein sog. akzidentelles Herzgeräusch. 

Er riet uns aber, Anne mit 18 Monaten nochmals vorzustellen. Nach sehr, sehr langer Wartezeit untersuchte eine Oberärztin unsere Anne sehr rasch und zeigte uns auf dem Ultraschallmonitor mit großer Selbstverständlichkeit: „Sehen Sie, hier ist das Loch in der Scheidewand zwischen den Vorhöfen.“ 

Ich war am Boden zerstört, zumal ich mich schuldig fühlte: Ich selbst habe einen angeborenen Herzfehler, der aber laut Stand der Humangenetik damals nicht erblich sein sollte. Außerdem gab es die Komplikationen während der Schwangerschaft …

Mit 24 Monaten stellten wir Anne in einer anderen Universitätsklinik vor. Der zuständige Abteilungsleiter untersuchte unser Kind sehr gewissenhaft und versicherte uns: „Sie ist gesund. Aber sicherheitshalber nochmals Vorstellung in einem Jahr.“ 

Ein Jahr später wurde Anne vom Oberarzt dieser Klinik ebenfalls sehr gründlich untersucht. Er sah einen Shunt zwischen den Vorhöfen – also doch: Herzfehler. Das ging nun in jährlichem Wechsel hin und her: Die Oberärzte sahen einen Herzfehler, die Chefärzte nicht …Für Anne bedeutete das, dass sie bei jedem schwerwiegenderen Infekt ein Antibiotikum nehmen musste.

Ich wollte Gewissheit. Daher wurde Anne am 01.04.1993 stationär zur Herzkatheteruntersuchung aufgenommen. Nun war es definitiv kein Herzfehler! Aber Anne hatte eine Anomalie an der Vorhofscheidewand ohne funktionelle Beeinträchtigung, die im Ultraschall einen Herzfehler vortäuschen konnte. .

Anne hatte große Angst vor der Herzkatheteruntersuchung, da zwei Personen aus ihrem Umfeld, ihr Onkel und mein früherer Chef, an Herzerkrankungen gestorben waren. Wenige Tage vor der Untersuchung fragte sie, ob sie denn dabei sterben könne. 

Ich verneinte dies kategorisch. Ihre zwei Jahre ältere Schwester meinte dann sofort: „... und wenn, ich gehe dann bestimmt jeden Tag zu deinem Grab.“  Daraufhin weinte Anne ganz schrecklich und war an diesem Abend kaum noch ins Bett zu bringen.

Auch im September 1990 bangten wir um unsere Anne. Sie erkrankte an einer HIB-Infektion, die zu einer Epiglottitis (Kehlkopfdeckelentzündung) mit akuter Lebensgefahr führte. Anne lag eine Woche intubiert auf der Intensivstation der Kinderklinik. Die Impfung dagegen erfolgt heute im Säuglingsalter. Sie wurde erst 1990 eingeführt.

Im März 2000 hatte Anne beim Fußballtraining einen Unfall mit komplizierter Schienbeinfraktur im Bereich Wachstumsfuge. Ohne bleibende Schäden … sie spielte bald wieder Fußball ...

Im Oktober 2002 musste Anne den Schulunterricht vorzeitig verlassen wegen heftigster Bauchschmerzen, bedingt durch einen Nabelbruch, der dann bereits am Folgetag operiert wurde. 
 
Schon wieder sorgte sie für Aufregung, als sie im März 2003 wegen eines Abszesses der linken Wange ins Krankenhaus musste. Ärzte verschiedener Disziplinen scheuten sich, in zu eröffnen wegen der Nähe zum Gehirn. – Aber auch das hat sie gut überstanden.

Stellung in der Familie.
So positiv Anne auch von klein auf außerhalb unserer Familie ankam, so schwierig war sie immer wieder zu Hause. Sie hatte immer mit ihrer Position als „Sandwichkind“ zu kämpfen.

Im Januar 1991, kurz nach der Geburt ihrer kleinen Schwester, meinte die damals gerade dreijährige Anne zu mir: „Gell Mama, ein Glück, dass wir jetzt die Kleine haben. Nun bin ich nicht mehr die Kleine!“ Über viele Wochen war das ihr neuer Lebensinhalt: Sie, die nie Interesse am Malen oder Puzzeln gezeigt hatte, fing damit plötzlich an. Für sie waren das offenbar Beschäftigungen einer großen Schwester. Es waren ja auch die Lieblingsbeschäftigungen ihrer großen Schwester.

Als ihre kleine Schwester etwa drei Jahre alt war, entstand ein Spiel zwischen Anne und ihr: Die Kleine war Annes Kind und hieß „Lamia“ (frei erfundener Name). Unsere Jüngste war in der Rolle als "Lamia" stets sehr fügsam und willig, was außerhalb dieses Rollenspiels nicht unbedingt ihrem Naturell entsprach. Anne brauchte nur mit dem Finger zu schnippen und "Lamia"  tat, was Anne von ihr wollte.
Dieses Spiel dauerte fast zwei Jahre, bis die Jüngere es bewusst beendete. Ich war eigentlich ganz froh darüber, denn mir war es nicht immer ganz geheuer. Anne hatte in diesem Spiel eine große Macht über ihre Schwester, die sie allerdings nicht über die Maßen ausnutzte.

Sommer 1994. Ich hatte drei „Emil“-Flaschen für meine drei Töchter gekauft, die verschieden farbige Verschlüsse, verschieden farbige Kordeln und verschieden gemusterte Stoffbezüge hatten. Anne durfte als erste sich eine Flasche auswählen. Nach längerem Hin und Her musste ich ihr eine komplett neue Flasche zusammenstellen: Kordel von der einen, Stoffbezug von der anderen und Verschlusskappe von der dritten Flasche. Anne hielt ihre neu zusammengestellte Flasche stolz im Arm. Dann kam unsere "Große"  in die Küche, sah erfreut die Emilflaschen und entschied sich sehr schnell für eine der beiden restlichen Flaschen. Sofort fing Anne an zu schreien: „Immer kriegt die das Schönste!“

Dies war so typisch für unsere Anne: In der Familie hatte sie leider immer wieder das Gefühl, zu kurz zu kommen.

Besondere Interessen, Fähigkeiten, Hobbys
Doch Anne hatte durchaus sehr viele positive Seiten.

Sport war ihr immer sehr wichtig. Kaum konnte sie laufen, begleitete sie ihre große Schwester  und mich zum Mutter-Kind-Turnen. Sie war die jüngste Teilnehmerin und immer voller Begeisterung. Während die Großen sich schwer taten, hintereinander in der Reihe zu stehen und zu warten, hielt die kleine Anne sich völlig problemlos an diese Regel. Schon mit drei Jahren begann sie mit klassischem Ballett. Oft hatte sie bei Auftritten Sonderrollen, da sie immer sehr zuverlässig war.

Seit 1998 wurde Reiten zu einer ihrer größten Leidenschaften, sie ritt Isländer. Den Traum vom eigenen Pferd haben wir ihr allerdings nicht erfüllt. In ihren letzten Lebensjahren hatte sie ein Pflegepferd.

1999 begann Anne in einer Mädchenmannschaft Fußball zu spielen (zuletzt B-Mädchen).

2002 lernte sie Skifahren und zeigte auch hierbei viel Talent.

Doch Sport war nicht alles für Anne. Im Alter von vier Jahren lernte sie spontan lesen. Sie saß dann in der „leisen Ecke“ im Kindergarten und las ihren Freunden vor.

Doch als sie mit 13 Jahren mit einer Jugendgruppe zu einem Surf-Kurs an den Idrosee fuhr, meinte sie: „Ich nehme doch kein Buch mit. Ich fahre nicht weg, um zu lesen, sondern, um mich mit Leuten zu unterhalten!“
 
Andere Menschen waren ihr immer wichtig. Trotz ihres mitunter schwierigen Verhaltens innerhalb unserer Familie war Anne sehr sozial eingestellt und engagiert. Sie hatte drei Familien, in denen sie als beliebte Babysitterin tätig war.

Ab 2000 leitete sie mit einer Freundin zusammen eine CVJM- Mini-Jungschar-Gruppe. 

Anne lernte ab dem frühen Grundschulalter Klavier spielen. Später kam dann Querflöte dazu.

Sie hatte immer einen vollen Terminkalender, aber bekam das bestens hin.

Immer wichtig für Anne.
Viele Leute um sich haben, reden, überall Leute kennen, „Partys“, „Feste“, Brieffreundschaften pflegen (England, USA, Japan), telefonieren, mailen, chatten, „SMSen“.

Kindergarten und Schule.
Anne besuchte drei Jahre den Kindergarten – sie ging stets sehr gern hin und auch im letzten Kindergartenjahr war ihr nie langweilig. In der Grundschule war sie eine sehr gute Schülerin und sehr sozial eingestellt. Sie war eine Zeit lang Klassensprecherin.

1998 wechselte sie zum Gymnasium. Zunächst war sie auch hier eine sehr gute Schülerin. Ende der 7. Klasse wurde sie zum Überspringen einer Klasse vorgeschlagen. Sie wollte das nicht, da sie sich nicht von ihren Freunden trennen wollte.

Zeitweise war sie Klassensprecherin, sie arbeitete in der Schülerzeitungsredaktion mit. Kurzum: sie war engagiert. 

 
Doch in der 9. Klasse änderte sich einiges: Nach der Zusammenlegung von Klassen (aus drei wurden zwei) brauchte unsere Anne ein neues Profil: Sie wurde absolut faul und war bewusst bemüht, schlechte Noten zu produzieren. Im 2. Halbjahr besserte sie sich dann doch wieder deutlich.

In dieser Phase hatten wir viele Diskussionen mit unserer pubertierenden Tochter. 
 
Ab Ende der Sommerferien 2003 war sie wie ausgewechselt, wieder sehr motiviert. Sie schmiedete auch wieder Zukunftspläne, machte sich Gedanken über die Leistungskurse in der Oberstufe: Sie wollte Mathe, Englisch und Chemie oder Physik wählen. Ihr Wunsch war ein Auslandsaufenthalt für drei bis sechs Monate an. Sie wollte am Fremdsprachenwettbewerb teilnehmen ….

So begann sie das 10. Schuljahr sehr motiviert. Doch leider durfte sie nur noch drei Wochen leben.

Soziale Beziehungen.
Im Kindergarten bevorzugte Anne es eher mit Jungen als mit Mädchen zu spielen. Es faszinierte mich immer wieder, wie sie sich in der Art des Spiels stets ihren Freunden oder Freundinnen anzupassen vermochte (sie spielte mit Barbies, mit Autos, und ging auch körperlichen Auseinandersetzungen mit Jungen nicht aus dem Weg).

Im Grundschulalter traten die Jungen in den Hintergrund, sie hatte immer viele Freundinnen. Ab etwa 2001 waren Mädchen und Jungen gleichberechtigt. Zuletzt drei „beste“ Freundinnen: Susanne für lange Telefonate, „treuste Freundin“, Sabrina fürs Reiten und Briefwechsel in Kladden, Judith für viele Gespräche und Treffen in der Stadt.

Zwischendurch gab es auch immer mal wieder feste Beziehung zu Jungen, die mehr oder weniger lange hielten. 

Annes letzter Tag – ein ganz  normaler Freitag
Die letzte Deutschstunde:
Als Hausaufgabe war eine Argumentationsreihe zu einem beliebigen Thema zu erstellen. Stichworte sollten auf Karteikarten festgehalten werden und das Ganze sollte vor der Klasse vorgetragen werden. 

Anne wurde aufgerufen, sie hatte die Hausaufgabe „nur mündlich“ gemacht. Sie stellte sich dann vor die Klasse und reihte Argument an Argument, warum man an der Schule unbedingt einen Bäckereiverkauf brauche. Die gesamte Klasse lag flach vor Lachen, die Lehrerin war etwas hilflos.

Mitschüler berichteten uns dies nach ihrem Tod – es war wohl ein „typischer Anne-Auftritt“. 

Nach dem Mittagessen fuhr Anne mit mir zum Raiffeisenmarkt. Sie kaufte dort einen „Haarwechsler“ (spezieller Striegel) für ihr Pferd. Beim Verlassen des Marktes kamen wir an Säcken mit „Graberde“ vorbei. Sie wollte wissen, wozu man diese brauche. Ich erklärte es ihr ...

Anschließend brachte ich sie zur Jungschar, die sie mit einer Freundin leitete. Sie kam dann zu Fuß nach Hause, machte sich fertig fürs Fußballtraining. Um 17:45 Uhr wurde sie von einem anderen Vater abgeholt, gegen 20 Uhr nach Hause gebracht.

Sie machte sich dann für die Geburtstagsfeier ihres Mitschülers, er wurde 16 Jahre, fertig. Im Bad zankte sie noch (wie so oft) mit ihrer jüngeren Schwester, die gerade von Leichtathletiktraining heim gekommen war. – Die beiden armen Kinder mussten sich ein Bad teilen …
 
Dann brachten mein Mann und ich sie zur Party. Sie durfte dort übernachten. Ich ermahnte sie noch: „ Die Spielregeln sind dir bekannt: kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen, kein Sex!“ Sie rastete diesmal gar nicht aus. 
 
Unterwegs erzählte ich ihr von einer ihrer früheren Reitkolleginnen, die im März einen sehr schweren Autounfall gehabt hatte. Ich hatte dieses Mädchen nachmittags zufällig getroffen, es ging ihm wieder recht gut. Anne kommentierte noch: „Die hat aber aus ihrem Unfall gar nichts gelernt, sie rennt noch ein Mal wie´s andere Mal mit ihrem Auto durch die Gegend.“ 

 
Gegen 20:50 Uhr verabschiedeten wir Anne vor dem Haus, in dem die Party stattfand. Sie meinte unterwegs noch, wir brauchten sie am nächsten Tag nicht abzuholen, da sie mit anderen Eltern mitfahren könne. „ Ich komme irgendwann so gegen Mittag nach Hause.“


Annes Freunde erzählten uns später, sie sei an diesem Abend sehr gut drauf gewesen, habe sich für die Musik verantwortlich gefühlt, habe Break-Dance getanzt, habe auch (wenig) Bier getrunken.(Sie hatte 0,51 ‰). Um 0:20 Uhr wohl stieg sie auf das Motorrad eines anderen Gastes, um mit ihm nach Saarburg (6 km entfernt) zu fahren, um Kebab zu kaufen. Sie trug die viel zu große Motorradjacke des Jungen, aber keinen Helm. Sie stritt noch mit einer Freundin, wer mitfahren dürfe ... Es gab wohl auch einige Freunde, die ihr abrieten, mit zu fahren. Aber Anne hatte immer ein großes Durchsetzungsvermögen …

 
Um 0:35 Uhr fuhr der Motorradfahrer in einer lang gezogenen Rechtskurve geradeaus. Sie überschlugen sich eine Böschung hinunter. Anne stürzte so unglücklich, dass sie einen Genickbruch erlitt und sofort tot war. Sie hat wohl nicht gelitten.

Sie starb auf einer Pferdekoppel, die zu dem Hof gehört, auf dem ihr Pflegepferd stand. 
 
Beerdigt wurde Anne am 26.09.2003.

Nach der Trauerfeier in der evangelischen Kirche (und davor, weil drinnen zu wenig Platz war), die von Freunden, Bekannten und einem Schulchor, der sich spontan zusammengefunden hatte, mitgestaltet wurde, zog die Trauergemeinde durch die Stadt zum Friedhof. Dort spielte Annes Querflötenlehrer zum letzten Mal auf Annes Flöte.

Es war eine der größten Beerdigungen Saarburgs mit fast 1500 Teilnehmern (nach Schätzung des Beerdigungsinstituts).

Danach kamen noch fast 300 Personen mit ins evangelische Gemeindehaus, um im Gedenken an Anne den Tag ausklingen zu lassen. Die Schulband spielte noch einmal für Anne.

Mein Gedanke am Abend war: Es war ein schönes Abschiedsfest für Anne.

Doch nun begann unser „Leben ohne Dich“ …

Annes Grab am 27.09.2003, ein einziges Blumenmeer.

Annes Grab am 27.09.2003, ein einziges Blumenmeer.